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Diabetes mit Operation heilen?

Runter mit den Kilos, weg vom Insulin: Operationen gegen Übergewicht können auch Diabetes verschwinden lassen. Warum, das stellt sogar Experten vor ein Rätsel

"Nie wieder dick!", "Neue Chance für Übergewichtige" – so und ähnlich tönen die Schlagzeilen, die von den Erfolgen der Adipositas-Chirurgie verkünden. Was kaum ein Patient mit Diät, Bewegung und psychologischer Unterstützung schafft, das gelingt Ärzten heute mit einem operativen Eingriff: Fettleibige oder "adipöse" Menschen von ihrer Last zu befreien.

Neu ist die Idee nicht, dass Ärzte zum Skalpell greifen, um Patienten beim Abnehmen zu helfen. Indem sie beispielsweise den Magen verkleinern. Nach dem Motto: kleiner Magen, schneller satt. Oder indem sie Teile des Dünndarms so verlegen, dass sie aus der Verdauung ausgeschaltet werden und weniger Nährstoffe aus dem Darm ins Blut gelangen. Die Erfolge dieser Eingriffe sind in der Tat erstaunlich: Während nur etwa fünf von hundert Fettleibigen es schaffen, durch eine Lebensumstellung dauerhaft abzunehmen, verlieren Operierte nach dem Eingriff durchschnittlich 60 Prozent ihres Übergewichts.


Diabetes verschwindet sehr schnell

Dass sich mit dem Gewichtsproblem auch typische Folgeprobleme, wie beispielsweise ein Typ-2-Diabetes, bessern, ist eigentlich nicht verwunderlich. Und trotzdem verblüffen die Erfolge selbst Spezialisten. Denn: Wie sich in den letzten Jahren zeigte, verschwindet der Diabetes bei vielen Patienten deutlich schneller als das Fettgewebe. Oft sind die Blutzuckerwerte schon Tage bis Wochen nach der Operation besser oder sogar normal – während sich auf der Waage gerade die erste Abwärtsbewegung zeigt.

Chirurgen sprechen daher immer häufiger von "Stoffwechselchirurgie" statt von "Adipositas-Chirurgie". Denn die Operationen, hinter denen ursprünglich die einfache Idee steckte, die Kalorienaufnahme zu verringern, bewirken offenbar noch etwas ganz anderes: "Sie greifen direkt in den Stoffwechsel ein", erklärt Professor Rudolf Weiner, Chefarzt am Krankenhaus Frankfurt-Sachsenhausen. Weiner gilt europaweit als einer der führenden Experten auf dem Gebiet der Stoffwechselchirurgie.



Kandidaten für eine Adipositas-Op. sind Diabetiker mit einem Body-Mass-Index über 35

"Inzwischen operieren wir adipöse Patienten klar mit dem Ziel, ihren Typ-2-Diabetes zu behandeln", sagt er. Und die Chancen sind hervorragend: "Je nach Operationsmethode kann der Diabetes bei bis zu 80 Prozent der Patienten geheilt oder gebessert werden."

Kandidaten für einen operativen Eingriff sind Typ-2-Diabetiker mit einem Body-Mass-Index (BMI) über 35. Ab einem BMI von 40 werden auch Patienten ohne Adipositas-Folgekrankheiten operiert.

Jährlich nur 2,000 Operationen

Mittlerweile bieten rund 30 Kliniken in Deutschland entsprechende Operationen an. Im Krankenhaus Sachsenhausen werden pro Jahr etwa 1.000 Patienten operiert, jeder vierte davon hat Diabetes. Bundesweit kommen jährlich etwa 2.000 extrem Übergewichtige unters Messer. Mit steigender Tendenz, aber es sind deutlich weniger als etwa in Frankreich oder der Schweiz. In den USA, wo extrem viele Menschen unter Adipositas leiden, wurden allein 2006 rund 250.000 solche Operationen vorgenommen.

In Deutschland haben ein bis zwei Prozent der Bevölkerung, also mehr als eine Million Menschen, einen BMI über 40 und gelten damit als "extrem adipös". Und als gefährdet. Denn Fettleibigkeit hat zahllose Folgen: Diabetes, Bluthochdruck, Herzinfarkt, Schlaganfall oder Krebs sind nur einige davon. Viele Adipöse verlieren ihren Arbeitsplatz, werden depressiv. Das Fett lastet schwer auf Körper und Seele und verkürzt die Lebenserwartung um bis zu zwanzig Jahre. Doch ist die Operation wirklich der Königsweg aus dem Dilemma?

Fest steht, dass sich mit der bloßen Empfehlung, seinen Lebensstil zu verändern, sich gesünder zu ernähren und mehr zu bewegen, kaum einem fettleibigen Menschen helfen lässt. Oft wird von Ärzten schon ein Gewichtsverlust von fünf Prozent als Erfolg gepriesen. Bei 150 Kilo Körpergewicht sind das gerade einmal acht Kilo. Da ändert sich nicht einmal die Kleidergröße.



Bewegung wirkt nicht immer: Auch klinisch betreute Adipositas-Programme haben nur geringe Erfolgsraten

Auch Adipositas-Programme in Kliniken, die mit Ernährungs-, Bewegungs- und Psychotherapie alle Register ziehen, verhelfen nur jedem dritten Teilnehmer zu einem dauerhaften Erfolg. "Extrem übergewichtige Patienten sind im eigenen Körper gefangen", bringt es der Diabetologe Dr. Harald Fischer von der Rehabilitationsklinik Rosenberg auf den Punkt.

Viel Spekulation um die Wirkung

Warum sich also lange quälen mit Therapien, die doch nicht helfen, könnte sich da mancher fragen. Tatsächlich spricht vieles für die Operation: eine rasche Gewichtsabnahme, die Chance, seinen Diabetes loszuwerden. Doch es gibt auch kritische Stimmen. So sind bei extremem Übergewicht Komplikationen während und nach der Operation nicht unwahrscheinlich – auch wenn die Eingriffe heute in den meisten Fällen "minimalinvasiv" erfolgen, also ohne großen Schnitt. Nach der Operation müssen viele Patienten lebenslang Eiweiß-, Vitamin- und Mineralstoffpräparate einnehmen. Auch dass die Ärzte nicht im Detail wissen, was sich nach dem Eingriff im Stoffwechsel eigentlich ändert, lässt viele Experten zögern, die operative Therapie als Durchbruch im Kampf gegen Diabetes zu feiern.

Zu den Stoffwechselvorgängen nach der Operation gibt es viele Vermutungen, aber nur wenig Erkenntnisse. Seit einigen Jahren ist bekannt, dass Magen und Darm Hormone produzieren, die an der Steuerung von Hunger und Sättigungsgefühl beteiligt sind oder die Insulinproduktion beeinflussen. Eines davon ist das Hormon GLP1. Es regt die Insulinproduktion an und bremst den wichtigsten Gegenspieler von Insulin, das Hormon Glukagon. Tierversuche zeigten: Nach einer Magen-Bypass-Operation ist die Konzentration von GLP1 im Blut erhöht. Nur eine von verschiedenen möglichen Erklärungen, warum der Diabetes sich nach einer Operation so schnell zurückbildet – und bewiesen sind diese Zusammenhänge noch längst nicht.

Ein Weg mit Hindernissen

Was welche Hormone tun oder nicht, ist für die betroffenen Patienten meist weniger wichtig. Ihr Problem ist ein ganz anderes: die Krankenkasse. Denn die übernimmt die Kosten für den Eingriff erst nach einer ausführlichen Prüfung und lehnt viele Anträge ab.



Viele Kassen wollen die Op.-Kosten nicht übernehmen - obwohl eine lebenslange Insulinbehandlung mitunter viel teurer kommt

Ute Kanthak, erste Vorsitzende des Internetforums Adipositaschirurgie-Selbsthilfe Deutschland, sieht im Verhalten der Kassen Willkür. Sie hat erlebt, dass ein Patient mit 200 Kilo, der wegen seiner Adipositas arbeitslos wurde, jahrelang um eine Zusage kämpfen musste, während ein anderer mit 120 Kilo sofort operiert wurde.

Auch Kanthaks Antrag wurde zunächst abgelehnt. Sie legte Widerspruch ein, wies darauf hin, dass sie wegen ihres Diabetes 150 Einheiten Insulin pro Tag spritzen müsse. Schließlich genehmigte die Kasse eine Magen-Bypass-Operation. Kanthak hatte jedoch inzwischen mit ihrem Arzt besprochen, dass in ihrem Fall eine aufwendigere Operation sinnvoll sei – mit höherem Risiko, aber auch mit besseren Chancen auf Diabetes-Heilung. Den fehlenden Betrag für diese teurere Operation, rund 6.000 Euro, zahlte sie schließlich selbst.

Andere Patienten versuchen, die Kosten für ihre Operation, oft bis zu 12.000 Euro, vor dem Sozialgericht einzuklagen. Das kann oder will sich jedoch nicht jeder zumuten. Rudolf Weiner beklagt deshalb, dass vielen Patienten die einzig wirksame Behandlung ihrer Krankheit vorenthalten werde. Und macht ein Rechenbeispiel auf: Bei einem Patienten, der wie Ute Kanthak große Mengen Insulin spritzt, hat die Kasse die Kosten für die Operation meist schon nach wenigen Monaten wieder eingespart. "Im Laufe der Jahre ließen sich so pro operiertem Patienten Zigtausende Euro sparen", so Weiner. Allerdings gibt auch er zu, dass der chirurgische Eingriff nicht jedes Problem löst. Ohne Unterstützung und richtige Vorbereitung sind viele Patienten überfordert.

Vor dem Eingriff psychologisch beraten lassen

Sabine Zahn, Chefärztin für Erwachsenenpsychosomatik der Seepark Klinik in Bad Bodenteich, kennt auch Patienten, die den Eingriff bereuen. Wer etwa hinter ungebremstem Essverhalten seelische Konflikte versteckt hatte, müsse damit rechnen, dass diese sich andere Wege suchten, etwa körperliche Beschwerden. Sabine Zahn rät vor einem Eingriff zu einer intensiven psychologischen Beratung, um die richtige Entscheidung zu treffen. Schließlich geht es darum, die Weichen für das weitere Leben zu stellen.

Auch weil vor einer Operation längst nicht immer alle Möglichkeiten zur Gewichtsabnahme ausgeschöpft würden, hält Diabetologe Fischer einen Aufenthalt in einer spezialisierten Rehaklinik für sinnvoll mit einem Programm, das körperliches Training, psychologische und ernährungsmedizinische Betreuung beinhaltet: "Eine umfassende Betreuung ist in den meisten Fällen auch nach Eingriff notwendig", sagt Fischer.



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Birgit Ruf / Diabetes Ratgeber; 20.07.2010, aktualisiert am 28.11.2011
Bildnachweis: W&B/Brigitte Sporrer, Jupiter Images/FRENCH PHOTOGRAPHERS ONLY, W&B/Hans-Rudolf Schulz, Jupiter Images GmbH/ Photos.com

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